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31.12.2005 – Der Fall Grohe: Drama in fünf Akten

Betriebswirtschaftler haben das viel diskutierte Übernahmedrama („Heuschrecken“) des einst hochprofitablen Weltunternehmens Grohe zum Sanierungsfall detailliert analysiert. Das Trauerspiel in fünf Akten.


Erster Akt
Friedrich Grohe erwirbt 1936 die im Jahre 1911 gegründete Firma Berkenhoff & Paschedag, Hemer/Nordrhein-Westfalen. 1948 wird das Unternehmen in Friedrich Grohe Armaturenfabrik umfirmiert. 1961 wird die erste ausländische Tochtergesellschaft in Frankreich eröffnet. Vier Jahre später folgt die Gründung einer Tochtergesellschaft in Österreich, außerdem erwirbt Grohe die Firma Schmöle & Comp. in Menden. 1967 folgt die Gründung einer italienischen Tochtergesellschaft. Doch dann will oder kann der Eigentümer offensichtlich nicht mehr.

Zweiter Akt
1968 erwirbt die ITT International Telephone & Telegraph 51% Gesellschaftsanteile der Friedrich Grohe Gruppe. Die neuen Manager expandieren weiter kräftig. 1973 wird eine Tochtergesellschaft in den Niederlanden gegründet. Zwei Jahre später geht es über den großen Teich. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird die erste Grohe-Niederlassung eröffnet. 1978 werden in London die Barking Grohe Ltd. und in Spanien eine Tochtergesellschaft aufgemacht. 1982 wird im neugebauten Werk in Hemer-Edelburg produziert. Ein Jahr später stirbt der Firmengründer Friedrich Grohe.

Dritter Akt
1984 kaufen die Erben, die Brüder Charles und Bernd Grohe, die 16 Jahre zuvor verkauften Gesellschaftsanteile von ITT wieder zurück. 1989 erfolgt der Neubau des Farbwerkes der Grohe Thermostat GmbH in Lahr. In Kanada wird eine Tochtergesellschaft gegründet. 1990 wird das eigene Logistikzentrum in Hemer eingeweiht. Ein Jahr später wird nach dem Fall der Mauer in den Osten Deutschlands investiert. Es erfolgt der. Kauf der Herzberger Armaturen GmbH, Herzberg/Brandenburg. Die Globalisierung schreitet mit der Gründung einer Tochtergesellschaft in Japan im gleichen Jahr unaufhörlich voran. Die Eigentümer ordnen die Strukturen neu und wandeln die Gesellschaft in die Friedrich Grohe Aktiengesellschaft um. Die Börseneinführung der Friedrich Grohe AG erfolgt noch im Jahr 1991. Zwei Jahre später entstehen eigene Stützpunkte in Dänemark und in Zypern. 1994 erfolgt die Zusammenführung der Friedrich Grohe AG mit der DAL/Rost-Gruppe. International entstehen weitere Niederlassungen in Singapur und Ontario (Kanada). Polen folgt ein Jahr später. Inzwischen wurde mit der Einführung der Dachmarke Grohe Wassertechnologie ( GROHEART, GROHETEC und GROHEDAL) der Markenauftritt neu aufgestellt. Die Grohe Produkte laufen international immer erfolgreicher. 1996 ist Produktionsbeginn des Werkes Grohe Siam Ltd. in Thailand. Zudem wird ein neues Produktionswerk in Portugal in Betrieb genommen. Ein weiterer Höhepunkt des Jahres ist am 18. Oktober die Verleihung des renommierten Deutschen Marketing-Preises an die Friedrich Grohe AG. Die Erfolgstory von Grohe kennt keine Atempause. 1997 wird das Grohe Design Center eröffnet. Es folgt die Übernahme von 70 % der Anteile an der Rotter GmbH & Co. KG. Noch ein PR-Glanzlicht: GROHE erhält im gleichen Jahr den Ehrenpreis für Corporate Design und Design Management des Landes Nordrhein-Westfalen. Bereits ein Jahr später folgen die Gründung einer Repräsentanz in Moskau sowie die Eröffnung einer Niederlassung in Shanghai. Noch ein Jahr später wird in der Schweiz eine Niederlassung eröffnet. Grohe ist zwei Jahre vor Ende des Jahrhunderts ein wahres Glanzlicht deutschen Unternehmertums, das Unternehmen gilt als „Old Economy vom Feinsten.“ (manager magazin). Grohe ist überaus profitabel (Umsatzrendite über zehn Prozent), auch die anderen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen sind beeindruckend. Die Eigenkapitalquote liegt bei über 50 Prozent, die Innenfinanzierungskraft beträgt 150 Prozent, das bedeutet, das Unternehmen finanziert nicht nur alle (!) Investments aus eigenem Cashflow, sondern kann darüber hinaus beträchtliche Reserven anlegen. Doch genau solche Zahlen wecken das Interesse von Finanzinvestoren.

Vierter Akt
„1999: Übergang der Geschäftsanteile der Familien Grohe und Rost an die Grohe Holding, die von dem durch BC Partners beratenen Fonds gehalten wird.“ So steht es nüchtern auf der Grohe Internetseite (www.grohe.de). Die weiteren Stationen im Zeitraffer: 2000 Firmenwechsel in Friedrich Grohe AG & Co. KG. 2001 Produktionsstart im Montagewerk Grohe (Shanghai) Sanitary Products Co. Ltd., China und Einführung des neuen Duschvergnügens Freehander. 2002 Gründung des strategischen Produktbereichs Küchenarmaturen.

Fünfter Akt
2004 erfolgt der Zusammenschluss der GROHE Beteiligungsgesellschaften Aqua Butzke GmbH und Rotter GmbH & Co. KG zur AquaRotter GmbH. Ein Investorenkonsortium aus Texas Pacific Group und CSFB Private Equity erwirbt von BC Partners alle GROHE Anteile (CSFB steht für Credit Suisse und First Boston).

Innerhalb von nur fünf Jahren wurde das Unternehmen damit zweimal weiterverkauft. Der Kauf von BC Partners erfolgte im Rahmen eines so genannten LBO (Leveraged Buyout). Die Finanzierung des Kaufpreises erfolgt dabei überwiegend mit Fremdkapital, dessen Kapitaldienst dann vom gekauften Unternehmen zu tragen ist. Der Begriff Leverage stammt vom betriebswirtschaftlich gleichnamigen Effekt, wonach die Eigenkapitalrentabilität mit zunehmender Fremdfinanzierung steigt. Allerdings funktioniert der Effekt nur solange, wie die Fremdkapitalzinsen niedriger sind als der mit dem zusätzlichen Fremdkapital generierte Gewinn des Unternehmens (nach Abzug der Fremdkapitalzinsen). Doch Vorsicht: „Der steigende Fremdkapitaleinsatz birgt jedoch die Gefahr in sich, dass bei rückläufigen Gewinnen die fixen Kosten des Fremdkapitaleinsatzes (Zinsen und Tilgung) zu einer überdurchschnittlichen Abnahme der Rendite führen (= negativer Leverage-Effekt)“ warnte der Herausgeber des „Lexikon der Betriebswirtschaft“ Prof. Dr. Wolfgang Lück (Vierte Auflage, 1990, mi-verlag).

So kam es wie es kommen musste. 2003 sank die Eigenkapitalquote von Grohe bereits unter sieben Prozent. Der Zinsaufwand hat sich von 1998 zu 2003 um das 14-fache erhöht. (Die im Jahre 2000 ausgegebenen Anleihen wurden mit 11,5% (!) verzinst). Die Umsatzrentabilität erreichte 2003 nur noch magere 2,5 Prozent. Im gleichen Jahr konnten die Investments bereits nicht mehr aus eigenen Mitteln finanziert werden. Bei solchen Zahlen sind hierzulande quasi gottgegeben die Sanierer von McKinsey nicht mehr weit. Die Restrukturierungsspezialisten sollen laut Medienbereichten ein drastisches Sanierungsprogramm mit dem Abbau von 3.000 von derzeit 5.800 Mitarbeitern und der Schließung mehrerer deutscher Werke ausgearbeitet haben, um Grohe wieder ertragreich zu machen. „In der Radikalität ist das McKinsey-Gutachten kaum mehr zu übertreffen“ schrieb die FAZ am 27.Mai 2005. So hat McKinsey laut FAZ vorgeschlagen, die Produktion komplett nach China zu verlagern. Die Logistik solle von Polen aus gesteuert werden. Auftraggeber von McKinsey waren aber nicht mehr BC Partners sondern das bereits genannte neue Investorenkonsortium aus Texas Pacific Group und CSFB Private Equity. Sie sollen für die Grohe Anteile zwischen 1,5 und 1,8 Mrd. Euro bezahlt haben.

Ob beim zweiten Deal der Leverage-Effekt noch funktioniert ?
„Der Weiterverkauf von einem Finanzinvestor zum nächsten hatte ein Loch in die Bilanz gerissen, weil Grohe seine eigene Übernahme finanzieren musste. Nach Abschluss der Transaktion stand Grohe mit 1,15 Mrd. Euro bei den Banken in der Kreide. Die Schulden sind gut 200 Mill. Euro höher als der Umsatz“ meldete www.handelsblatt.com am 8.6.2005.
Nummer Sieben der zehn Unternehmensleitsätze von Grohe lautet:
„Wir sichern die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens durch die Stärkung unserer Ertragskraft. Dies erreichen wir durch wettbewerbsfähige Kostenstrukturen auf allen Ebenen der Wertschöpfung.“ (www.grohe.de)

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Quellen:
Eine ausführliche betriebswirtschaftliche Analyse mit detaillierten Zahlen finden Sie in dem Beitrag von Prof. Dr. Heinz Kußmaul, StB Dipl.-Kfm. Armin Pfirmann / Dipl.-Kfm Vassil Tcherveniachki, Universität des Saarlandes, Saarbrücken, in der Zeitschrift: DER BETRIEB, Heft Nr. 47 vom 25.11.2005, Seite 2533 ff. (Verlagsgruppe Handelsblatt). Die Betriebswirtschafter belassen es nicht nur bei der Analyse, sondern machen konkrete Verbesserungsvorschläge, wie solche Vorgänge zukünftig zumindest erschwert werden können.
Vgl. a. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2005, Nr. 120 / Seite 22, sowie FAZ.NET vom gleichen Datum
Die Daten zur Historie von Grohe entstammen der offiziellen Internetseite von Grohe (www.grohe.de).

P.S. Nach letztem Stand fallen 1240 Arbeitsplätze in den Werken Hemer (Sauerland) und Lahr (Baden-Württemberg) weg. 943 Mitarbeiter werden entlassen, der Rest scheidet etwa durch Pensionierung aus. Das teilten die IG Metall und das Unternehmen am Mittwoch mit. Für die übrigen Mitarbeiter sei bis Ende 2008 eine Arbeitsplatzgarantie mit entsprechenden Investitionen für die Standorte vereinbart worden, erklärte die Gewerkschaft. Das Werk im brandenburgischen Herzberg mit rund 300 Mitarbeitern wird aber wie schon in der vergangenen Woche angekündigt geschlossen. (Quelle: www.handelsblatt.com vom 8.6.2005)

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