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31.05.2006 - Sanierungen werden immer perverser

Galt früher als wesentliches Sanierungsziel krisengeschüttelter Unternehmen auch der Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze, so sollen heute angeschlagene Unternehmen vor allem „auf Vordermann gebracht“ werden, um Neuinvestoren satte Renditen einzubringen.

Der Begriff „Sanierung“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Heilung, Gesundung.“ Die Neue Insolvenzordnung (InsO), die 1999 das alte Konkursrecht abgelöst hat und derzeit gerade ihr erstes update erlebt, setzt sich in Paragraph (1) das hohe Ziel, „… insbesondere zum Erhalt des Unternehmens“ zu führen. Die Gesetzes-Initiatoren hatten dabei den volkswirtschaftlichen Vorteil erfolgreicher Sanierungen im Auge. Spätestens seit dem Fall Grohe (siehe hier auch unter Uhlig-Aktuell unter dem Datum vom 31.12.2005), als die Berater von McKinsey ein Konzept vorlegten, das den Abbau von 3.000 von damals 5.800 Mitarbeitern und die komplette Schließung mehrerer deutscher Werke vorsah und dieses Papier dann noch allen Ernstes als „Sanierungs“-Konzept“ verkauften, ist dieser ehrwürdige Begriff in der Betriebswirtschaft endgültig verbrannt. Jeder Mediziner würde im Erdboden versinken, wenn ein Kollege einen Patienten derart verunstalten und das Ganze dann dreist noch als Heilung bezeichnen würde.


Sanierung als „Leistung aus Leidenschaft“


Aber Grohe war bei weitem kein Einzelfall. Wie handelsblatt.de am 29.05.2006 meldet, engagieren sich neben Finanzinvestoren und Hedge-Fonds vor allem Investmentbanken (u.a. Credit Suisse, Deutsche Bank, Goldman Sachs und Morgan Stanley) über den Aufkauf von Schulden immer häufiger bei deutschen Unternehmen, bei denen das Geld knapp ist, und – so das Handelsblatt wörtlich - : „bringen sie auf Vordermann.“ Was mit dieser martialischen Aktionsbeschreibung - die nun nicht gerade dem Denken einer demokratisch-liberalen Wirtschaftsverfassung entspricht sondern eher an Zeiten erinnert, als die Herrschaften noch Stiefel trugen - gemeint ist, folgt nur einen Satz später, indem das klare Ziel eines Problemkredit-Managers genannt wird: „Er peilt 20 Prozent Rendite an.“

War es bei Grohe noch der LBO-Effekt („Leveraged Buyout“ - Die Finanzierung des Kaufpreises erfolgt dabei überwiegend mit Fremdkapital, dessen Kapitaldienst dann vom gekauften Unternehmen zu tragen ist), der dem einst hochprofitablen Unternehmen zum Verhängnis wurde, sind es derzeit die so genannten „leistungsgestörten Kredite“ (im Banker-Jargon „faule Kredite“), die den Käufern so viel Freude bereiten. Wie banal aber tieftraurig das Ganze funktioniert, beschreibt handelsblatt.de wie folgt:

„Das Geschäftsmodell der Investmentbanken ist einfach: Sie kaufen leistungsgestörte Kredite (Non-Performing-Loans/NPL) eines Unternehmens, das durch eine Restrukturierung wieder flott gemacht werden soll. Oftmals werden die Forderungen mit einem Abschlag von 30 bis 70 Prozent erworben.“

Und dann weiter:

„Die Spieler in diesem Markt fordern nach den Worten von Karsten Hartmann, Geschäftsführer von Hg Capital, >Kontrollrechte und drängen auf einen Tausch der Kredite gegen eine Beteiligung an den Firmen<. Teilweise wird das Engagement verbunden mit einem Forderungsverzicht oder einer Kapitalspritze. Bei der Sanierung arbeiten die Banken mit Bilanzspezialisten wie PWC und Ernst & Young zusammen.“

Perverser geht es nicht mehr. Der Begriff „Unternehmens-Sanierung“, bei dem es neben der materiellen Befriedigung der Gläubiger (vgl. InsO § 1) vor allem auch um Menschenschicksale gehen sollte, wird in einem Atemzug mit dem Begriff „Spieler“ genannt. Dass diese Art des Zockens jedoch sehr lukrativ zu sein scheint und wer das klare Ziel dieser Attacken ist, geht aus dem Handelsblatt-Artikel eindeutig hervor:


„Kreditverkäufe im Mittelstand kommen in Mode“ (Handelsblatt)


„Der deutsche Markt für derartige Transaktionen ist groß. Die Beratungsgesellschaft Ernst & Young geht von über 300 Mrd. Euro aus. Allein Credit Suisse hat seit 2004 rund 0,5 Mrd. Euro in den Kauf von Unternehmen investiert.“ Weiter werden für den Verkauf Not leidender Einzelkredite speziell Landesbanken und Versicherungen genannt. Da „dürfte einiges auf dem Markt kommen“ folgert das Handelsblatt unter Berufung auf eine entsprechende Umfrage bei Fondsmanagern.

Nebenbei bemerkt: Wie viele mittelständische Krisenunternehmen würden über Nacht sofort gesunden, wenn sich die Banken ihnen gegenüber nur einen Bruchteil so kulant geben würden, wie sie dies gegenüber den Aufkäufern der NPL tun, denen sie die faulen Kredite mit Abschlägen bis zu 70 Prozent vor die Tür werfen. In vielen Fällen würden schon Nachlässe von zehn oder zwanzig Prozent manches Unternehmensschiff wieder auf Kurs bringen und per saldo Hunderttausende von Arbeitsplätzen erhalten. Die ganze Volkswirtschaft würde profitieren, nicht nur wenige Fondsinhaber. Leider jedoch sind heute die „Spiel“-Regeln für Sanierungen andere. Die klassische Sanierung ist out weil unmodern.

Die Denaturierung der klassischen Unternehmenssanierung entspricht dabei voll dem inzwischen veränderten Verständnis einer Unternehmung. Galt hier noch bis vor wenigen Jahren in der modernen Betriebswirtschaft „die Unternehmung als produktives soziales System“ (Titel eines BWL-Buches über Grundlagen der allgemeinen Unternehmungslehre des Instituts für Betriebswirtschaft an der Hochschule St. Gallen aus den 70er Jahren), so hat diese Denke den Sprung ins 21.Jahruhundert nicht mehr überlebt. Das share-holder-value-Diktat der internationalen Finanzwelt mit seinem ausschließlich Rendite-orientierten Vorgehen („Auf Vordermann bringen“) dominiert heute alles andere. Deshalb auch die aktuell erfolgreichen Investment-Sparten der Großbanken, was dann als „Leistung aus Leidenschaft“ propagiert wird, die zu überaus glücklichen Menschen führt, wie wir jeden Abend vor den Nachrichten sehen können.


Der nächste Sanierungs-Gau steht schon bevor


Der nächste fette Fisch bei diesem „Spiel“ zappelt schon kurz vor der Angel. Da unser Staat finanziell klamm ist, will er die Deutsche Bundesbahn möglicherweise auch an Finanzinvestoren verkaufen, damit diese eines unserer volkswirtschaftlich wie ökologisch hochwertigsten Anlagegüter dann endgültig auch „auf Vordermann bringen“ dürfen. Was Bahnkunden von derart „sanierten“ ehemaligen Staatsbahnen erwarten dürfen, kann jeder am eigenen Leib erfahren, wenn er z.B. durch Großbritannien mit der Bahn reist. Noch besteht geringe Hoffnung, dass wenigstens dieser Alptraum bei uns doch nicht wahr wird. Zumindest die letzte Anhörung von Sachverständigen im Deutschen Bundestag lässt hoffen.

Für unsere mittelständischen Unternehmen gibt es vor solchen Attacken jedoch keine parlamentarischen Anhörungen. Sie sterben weiter eher leise vor sich hin. 20 Prozent Rendite sind von ihnen nicht herauszupressen.

PS: Laut DUDEN versteht man unter „pervers“: widernatürlich, verderbt, entartet.

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