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30.11.2006 – Gefährdet die neue IFRS-Rechnungslegung den deutschen Mittelstand ?

Kapitalmarkt-orientierte Unternehmen müssen bereits nach den neuen IFRS-Regeln bilanzieren. Mittelständische Unternehmen müssen das (noch) nicht, können aber. Wenn sie freiwillig nach IFRS bilanzieren, sollten sie wissen, worauf sie sich da einlassen.

Die internationalen Rechnungslegungsvorschriften IFRS (International Financial Reporting Standards) sind laut Verordnung der Europäischen Union von Juli 2002 seit 2005 für alle kapitalmarktorientierten Unternehmen verpflichtend. Dem deutschen Gesetzgeber wurden verschiedene Möglichkeiten eingeräumt, die IFRS mittelstandskonform in nationales Recht zu überführen, um auch mittelständischen - und damit i.d.R. eben nicht kapitalmarktorientierten - Unternehmen ein Wahlrecht zu geben, entweder nach HGB oder nach IFRS zu bilanzieren.

Insbesondere die großen WP-Gesellschaften werden nicht müde, dieses Wahlrecht als „Chance für den Mittelstand“ zu propagieren. So nennt z.B. PricewaterhouseCoopers (PwC) auf der deutschen Internetseite (www.pwc.com) u.a. folgende Vorteile:

• „Im Rahmen der Transparenzanforderungen nach Basel II können mit einer Bilanzierung nach IFRS Vorteile beim Rating verbunden sein.
• Die Anwendung der internationalen Rechnungslegung kann eine alternative Finanzierung durch Private Equity internationaler Investoren erleichtern.
• Die international akzeptierte Rechnungslegung nach IFRS kann die Akquise internationaler Aufträge vereinfachen, bei denen z.B. Jahresabschlüsse vorzulegen sind.
• Die freiwillige Rechnungslegung nach IFRS ist eine gute Vorbereitung auf den zukünftigen europäischen Standard.
• Eine einheitliche Rechnungslegung verbessert die Vergleichbarkeit von Unternehmen gleicher oder verschiedener Branchen.
• Die Anwendung der IFRS signalisiert Zukunftsorientierung und Kompetenz und erhöht die Glaubwürdigkeit der eigenen Unternehmensberichterstattung.“

Die Keule „Rating“ und „Basel II“ wird nun schon seit Jahren herausgeholt, um dem Mittelstand etwas aufzuhalsen, was so überhaupt nicht nötig ist. So hat z.B. der Bundesverband deutscher Banken unmissverständlich klargestellt:

„Die Durchführung des Ratings ist unabhängig vom gewählten Bilanzierungsstandard. Befürchtungen mittelständischer Unternehmen, das Rating werde eine Bilanzierung nach IRFS erzwingen bzw. eine HGB-Bilanz werde zu einer schlechteren Rating-Einstufung führen, sind unbegründet.“

Diese Stellungsnahme der Banken ist plausibel, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass gerade Banken an einer vorsichtigen Bilanzierung ihrer Kreditkunden größtes Interesse haben müssen. Hinsichtlich Vorsichtsprinzip ist nun aber gerade das HGB weltweit einmalig. Die IFRS wollen vom Vorsichtsprinzip der Bilanzierung ja ganz bewusst abweichen. Da werden Werte aktiviert („Fair value“), die nach HGB so nie bilanziert würden.

Was mögliche Beteiligungen wie Private Equity oder ähnliches betrifft, so gibt es genügend Beispiele, wonach solches Kapital an mittelständische Kunden auch ohne IFRS-Bilanzierung gewährt wird.

Das Argument der besseren Vergleichbarkeit von Unternehmen ist für Mittelständler nun am wenigsten geeignet, da die meisten Wettbewerber ausschließlich nach HGB bilanzieren. Und ob Betriebe nun ausgerechnet die „Glaubwürdigkeit der eigenen Unternehmensberichterstattung“ dadurch unterstreichen, dass sie ab sofort auch nach IFRS bilanzieren, darf schlicht als Unfug bezeichnet werden. Jeder Bilanzkenner weiß, worauf er achten muss, wenn er die Glaubwürdigkeit einer Bilanz kritisch hinterfragt.

Das frühere Mitglied des Standardisierungsrats im DRSC (s.u.) , Dr. R.J. Niehus, lenkt den Blick denn auch auf einen ganz anderen Aspekt. In einem aktuellen Beitrag für den BETRIEB (s.u.) beleuchtet er das in Deutschland – bisher jedenfalls - klassische Verständnis einer „Unternehmung an sich“, was bedeutet, dass sich ein Unternehmen eben gerade nicht ausschließlich an den Interessen der Shareholder ausrichtet, sondern - wenn es schon neudeutsch sein muss– an den Stakeholdern, also neben den Eigentümern und Kapitalgebern eben auch an Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten. Die IFRS jedoch sind ein Instrumentarium, das entsprechend der offen bekundeten Zielsetzung vor allem dem Kapitalmarkt bestmögliche Informationen über nachfragewillige Unternehmen liefern soll.

In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, wie dem deutschen Mittelstand derzeit geradezu penetrant angeblich „neue Finanzierungswege“ abseits der klassischen Bankenfinanzierung - ebenfalls als „Chance“ - propagiert werden. Diese meist zinsmäßig völlig überteuerten Mezzanine-Produkte sollen die alte Abhängigkeit von Bankkrediten ablösen und die Eigenkapitalquote stärken, was de facto so nicht stimmt bzw. durch IFRS sogar schlechter werden kann. Ein Blick in die Bundesbank-Statistik zeigt zudem, wie realitätsfern diese Vorstellungen bei der Mittelstandsfinanzierung sind.

Neuere Untersuchungen unterstreichen, dass es genau der Mittelstand ist, der Wachstumspotenziale nutzt und dadurch auch neue Arbeitsplätze schafft. Seine langfristig ausgerichtete Unternehmensführung – allen voran bei den Familiengesellschaften über Generationen hinweg – steht aber der kurzfristigen und rein Shareholder Value orientieren Unternehmensführung der kapitalmarktorientieren Unternehmen diametral entgegen. Sollte der Mittelstand per neuer Bilanzierung nach IFRS gezwungen werden, diese erfolgreiche Strategie zu ändern, hätte dies gravierend negative Folgen für die Volkswirtschaft.

Das Thema Finanzierung ist schon heikel im Mittelstand. Politiker und Gesetzgeber sollten aufpassen, dass mit einer Aufwertung der IFRS und einer gleichzeitigen Abwertung des HGB dem Mittelstand nicht noch eine zweite gefährliche Baustelle erwächst.


Literatur-Hinweis:

Dr.Rudolf J.Niehus, „IFRS für den Mittelstand ? Warum eigentlich ?“ Beitrag für DER BETRIEB, Heft 47, 24.11.2006, Seite 2539ff, Verlagsgruppe Handelsblatt.

Die Aufgaben des Deutschen Standardisierungsrats sind:
1. die Entwicklung von Empfehlungen (Standards) zur Anwendung der Grundsätze über die Konzernrechnungslegung
2. die Beratung des Bundesministeriums der Justiz bei Gesetzgebungsvorhaben zu Rechnungslegungsvorschriften
3. Vertretung Deutschlands in internationalen Standardisierungsgremien

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