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12.11.2004 - Basel II und Mittelstand: Fakten statt Panik

In einer wichtigen Rede erläutert Bundesbank Vorstandsmitglied Dr.h.c. Edgar Meister die klaren Vorteile von Basel II für mittelständische Betriebe. Hier einige Redeauszüge.


Auswirkungen von Basel II insbesondere auf den Mittelstand


Die Nachrichtenlage über das Verhältnis zwischen dem Mittelstand und den Banken ist weiterhin gemischt.

Auf der einen Seite hört man immer noch die Klagen: Die Banken ziehen sich zurück. Sie zögern mit der Kreditvergabe. Erschwerte Finanzierung gefährdet den Mittelstand und damit den Aufschwung. Auf der anderen Seite beschäftigen sich die Banken mit Fragen des Mittelstands so intensiv wie selten zuvor.

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Basel II nicht Prügelknabe für verändertes Bankenverhalten



.... kann der Firmenkredit seine herausgehobene Position nicht länger behalten. Er muss sich heute selbst rechnen; als Produktklasse, aber auch als einzelne Kreditbeziehung. Dies öffnet den Weg für moderne Kategorien wie risikoorientiertes Pricing, Konditionenspreizung, Differenzierung. Dieser Strukturwandel ist unumkehrbar.

Basel II hat diesen Strukturwandel nicht ausgelöst. Im Gegenteil, die neuen Eigenkapitalanforderungen sind selbst ein Ausdruck veränderter Finanzmärkte. Aber Basel II prägt gleichwohl den Prozess. Es hat den anfangs noch zögerlichen Trend zu mehr Risikoorientierung in eine Form gegossen und zugleich Orientierungen gegeben.

Und vor allem hat Basel II den Prozess verbreitert. Er erfasst nicht nur Großbanken mit ihren meist ohnehin bereits hoch entwickelten Risikosteuerungssystemen, sondern das gesamte Kreditgewerbe. Hierin liegt vielleicht der größte Vorteil für den Mittelstand. Denn mehr als 2000 Banken und Sparkassen werden eingebunden, die sich an der flächendeckenden Versorgung mit Kredit und Bankdienstleistungen beteiligen. Dies schafft die Grundlage dafür, dass sich der Mittelstand zu fairen Bedingungen finanzieren kann.

Unglücklicherweise treffen Basel II und der strukturelle Wandel an den Finanzmärkten jedoch zusammen mit hartnäckigen Wachstumsproblemen in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre. Diese sind hauptsächlich Folge erheblicher Lasten aus drei unabhängigen Prozessen: der deutschen Wiedervereinigung, der demographischen Entwicklung und der Globalisierung. Jeder dieser drei Prozesse wäre mächtig genug, die deutsche Wirtschaft vor gewaltige Herausforderungen zu stellen. In der Summe stellen sie für die Kreditwirtschaft ein erhebliches Störpotenzial dar, das sich unter anderem in den deutlich gestiegenen Einzelwertberichtigungen der letzten Jahre widerspiegelt.


Hohe Kreditrisken wegen angespannter Konjunktur


Die verstärkte Risikoorientierung fällt ausgerechnet in eine Phase erhöhter Kreditrisiken insbesondere im Mittelstand; nicht zuletzt aufgrund der starken Abhängigkeit des Mittelstands von der Inlandskonjunktur. Die Insolvenzstatistik spricht Bände. Die Anzahl der insolvent gewordenen Unternehmen mit 0 und 5 Beschäftigten stieg massiv an: von knapp 16.000 im Jahre 2001 (über 23.500 im Jahre 2002) auf über 27.000 im letzten Jahr. Dies ist ein Anstieg um mehr als 70 % innerhalb von zwei Jahren!

Der strukturelle Wandel und die Umsetzung von Basel II werden also derzeit überlagert von einer Insolvenzwelle, wie sie kaum zuvor zu beobachten war. Basel II muss deshalb manchmal als „Prügelknabe“ herhalten für Adjustierungen der Kreditpolitik an eine veränderte Risikolage.

Hinzu kommt die Heterogenität des Mittelstands. Mittelstand ist ziemlich viel. Da gibt es die Gruppe der Kleinunternehmer, Handwerker und Selbständigen. Diese Gruppe wird erst nach und nach von den Basel II-Prinzipien erfasst wie: Rating, Transparenz, Kommunikation, Risikodifferenzierung. Diese Unternehmer sind vor allem damit konfrontiert, dass die Banken und Sparkassen auf gestiegene Risiken und verschlechterte Bonität reagieren, beispielsweise indem sie mehr Sicherheiten fordern oder gar Kreditwünsche ablehnen.

Bei den größeren Mittelständlern hingegen gehört das bankinterne Rating inzwischen bei vielen Banken schon zum Standard-Repertoire. Die Ergebnisse werden analysiert. Kreditkonditionen werden als Ergebnis der Risikoeinschätzung wahrgenommen. Höhere Risiken müssen wohl eine Margenausweitung, aber nicht unbedingt eine Kreditabsage erfahren. Dies alles ist ökonomisch sinnvoll und im Wettbewerb geboten.

Deshalb verwundert es nicht, dass praktisch alle Umfragen zum Kreditklima und zur Zufriedenheit des Mittelstands mit seinen Banken das gleiche Ergebnis liefern: Je kleiner die Unternehmen, um so kritischer sehen sie die Banken. Es mag paradox oder gar provokant klingen: Wir haben vielleicht nicht zuviel, sondern eher zu wenig Anwendung von Basel II. Wo die Prinzipien von Basel II heute schon greifen, hat sich das Verhältnis von Mittelstand und Banken weitgehend entspannt.

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Erleichterungen für den Mittelstand


Basel II definiert Mittelstand als Unternehmen mit einem Jahresumsatz bzw. einer Bilanzsumme von unter 50 Mio. Euro. Darunter fallen in Deutschland mehr als 99 % aller Unternehmen. Unterhalb dieser Schwelle gilt für einen Kredit in der Forderungsklasse “Unternehmen“ eine flachere Risikogewichtungsfunktion, abhängig vom jeweiligen Jahresumsatz des Mittelständlers. Unsere Analysen für Deutschland haben ergeben, dass sich allein durch die größenabhängige Abflachung der Risikogewichtskurve die Eigenkapitalanforderungen für Kreidte an mittelständische Unternehmen um 17% verringern. Bleibt das Kreditvolumen der Bank gegenüber dem Schuldner unter 1 Mio. Euro und wird das Engagement ähnlich wie Retail gesteuert, so kann der Kredit sogar der Forderungsklasse „Retail“ zugeordnet werden. Dann erhält er, unabhängig von der Höhe des Jahresumsatzes, bei jeder Ausfallwahrscheinlichkeit ein um 25 % niedrigeres Risikogewicht als ein Unternehmenskredit. Rund 90 % aller Kreditforderungen an mittelständische Unternehmen werden von dieser Entlastung profitieren.

Weitere Neuerungen kommen dem Mittelstand zugute. Basel II erweitert den Katalog der anerkennungsfähigen Methoden zur Minderung des Kreditrisikos um mittelstandstypische Sicherheiten wie Sicherungsübereignung und Abtretung von Forderungen aus Lieferungen und Leistungen.

Die im Regelwerk angelegten Erleichterungen für den Mittelstand werden auch durch die bisher durchgeführten Auswirkungsstudien bestätigt. „QIS“ steht dabei beileibe nicht für ein Ratespiel, sondern ist die Abkürzung für Quantitative Impact Study. Bei der dritten Studie dieser Art, die wir im Frühjahr 2003 abgeschlossen haben, wurde bereits deutlich, dass von Basel II keine Gefährdung für die Finanzierung des Mittelstandes ausgehen wird. Vielfach wird es – allerdings abhängig vom individuellen Risiko der Forderungen – sogar geringere Eigenkapitalanforderungen für Mittelstandskredite geben als bisher. Profitieren werden insbesondere die Banken, die über ein starkes Retail-Geschäft verfügen und vor allem Kredite an kleinere Unternehmen vergeben. Einer Neubesinnung der Banken und Sparkassen auf das Kreditgeschäft mit kleinen und mittelständischen Unternehmen steht Basel II jedenfalls nicht im Wege – ganz im Gegenteil. Basel II kann dazu beitragen, die Kreditversorgung angebotsseitig zu verbessern.

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Basel II kann Fitness-Welle für Unternehmen auslösen



Die Messung des Risikos und das Einfließen der Risikoabschätzung in die Kreditkonditionen setzen qualitiative Daten und andere Informationen voraus. Der Mittelstand als Kreditnehmer ist gefordert, sich zu öffnen und belastbare Informationen bereitzustellen. Dies ist nicht nur eine Sache des guten Willens oder der Kooperationsbereitschaft.

Oftmals entdecken kleinere Unternehmen, dass ihre betriebswirtschaftlichen Instrumente nicht hinreichend entwickelt sind. So setzt Transparenz voraus, dass das Rechnungswesen zeitnahe und aussagekräftige Daten liefern kann. Die Grundlagen der Unternehmenssteuerung müssen funktionieren. Dies gilt vor allem in schwierigen Zeiten. Zumindest für die größeren mittelständischen Unternehmen, die nicht unter Retail fallen, wären auch Instrumente der strategischen Planung hilfreich wie Markt- und Wettbewerbsanalysen, Finanz- und Liquiditätsplanungen sowie Stärke- und Schwächeanalysen.

Eine besonders wichtige Rolle für die Ratings spielt neben der Ertragslage die Eigenkapitalquote. Sie liegt in Deutschland bekanntlich relativ niedrig, selbst wenn man Abstriche in der Vergleichbarkeit machen muss z. B. aufgrund unterschiedlicher Rechnungslegungsvorschriften. Rund ein Drittel der mittelständischen Unternehmen hat weniger als 10 % Eigenkapital (Creditreform).

Derzeit laufen erhebliche Anstrengungen bei Banken und Sparkassen, neue Finanzprodukte zu entwickeln und anzubieten. Sog. Mezzanine können dazu beitragen, Eigenkapitallücken zu schließen, ohne unternehmerische Mitentscheidung zu implizieren. Natürlich stößt die Diversifikation der Unternehmensfinanzierung auch an Grenzen, zumal bei den kleineren Unternehmen. Der Bankkredit wird – neben der Innenfinanzierung – die wichtigste Quelle bleiben.

Gleichwohl müssen sich viele Mittelständler dem Thema Stärkung der Eigenkapitalausstattung stellen.

Interessanterweise halten fast drei Viertel der mittelständischen Unternehmen ihr Rating, das ihre Hausbank anfertigt, für angemessen. Über 60 % der Unternehmen planen oder realisieren gleichwohl Maßnahmen, um dieses Rating zu verbessern. Das sind beeindruckende Zahlen. Basel II kann tatsächlich zu einem Fitnessprogramm werden; und zwar nicht nur für die Banken, sondern auch für den Mittelstand.

Basel II unterstützt eine neue Kreditkultur. Beide – Banken und Mittelstand – gehen bewusster mit dem Kreditrisiko um. Die Transparenz auf beiden Seiten nimmt zu. Das Unternehmen öffnet sich und liefert Daten. Die Bank wiederum erläutert ihre Ergebnisse und weist auf Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten hin. Dieser Kommunikations- und Austauschprozess schafft eine neue Grundlage für eine vertrauensvolle Hausbankbeziehung. Das Hausbankprinzip steht vor einer Renaissance.

Von Basel II gehen also direkte Effekte auf die Mittelstandsfinanzierung aus: durch das Regelwerk, aber auch durch die angestoßenen Veränderungen in der Kreditkultur.
Darüber hinaus bestehen indirekte Effekte. Basel II wird das Bankensystem insgesamt stabiler machen und stärken. .....


Gesunde Banken als Basis für auch zukünftig sichere Mittelstandsfinanzierung


Ein starkes, stabiles Bankensystem kommt allen zugute. Denn eine angemessene Kreditversorgung braucht leistungsfähige und ertragreiche Banken. Übrigens brauchen Banken (wie auch andere Unternehmen) eine positive wirtschaftliche Entwicklung und eine Perspektive für Wachstum und Investitionen.

Leider herrscht konjunkturbedingt in Deutschland nach wie vor eine nur geringe Kreditnachfrage. Sie ist weiterhin der dominante Faktor für die anhaltend schwache Entwicklung der Kreditbestände. So sinkt beispielsweise der Kreditbestand an das Verarbeitende Gewerbe weiter, zuletzt mit einer Jahresrate von rund 7,5 %.

Auf der Angebotsseite, bei den Banken, haben die Indikatoren für die Bereitschaft zur Kreditvergabe mittlerweile gedreht. Nach dem Bank Lending Survey der EZB haben die deutschen Banken ihre Kreditstandards für Firmenkredite zuletzt nicht mehr verschärft (2. Quartal 2004). Dies deckt sich mit den Resultaten aus der halbjährlichen Umfrage des ifo-Instituts im Verarbeitenden Gewerbe zur Lage auf dem Kreditmarkt. Das sog. Kreditklima misst, wie bereitwillig die Banken aus Sicht der Unternehmen Kredit geben. Es ist zum zweiten Mal in Folge angestiegen (August 2004). Eine angebotsseitige Kreditklemme liegt meines Erachtens nicht vor. Statt dessen haben eine Reihe von Banken durch Abbau der Risikoaktiva sehr wohl in ihrer Bilanz „Platz geschaffen“ für Neugeschäft.

Der Mittelstand wird auch weiter von einem hohen Bankenwettbewerb profitieren können. Basel II hat sehr darauf geachtet, den Bankenwettbewerb nicht zu verzerren. Gerade viele kleinere Banken mit ihren besonderen regionalen Kenntnissen und Schwerpunkten sind wichtig für ein angemessenes Kreditangebot an den Mittelstand.

Ich sehe insgesamt drei wichtige Botschaften, die Basel II für den Mittelstand parat hat. Erstens: Basel II enthält attraktive, aber dennoch risikogerechte Regeln für die Kapitalunterlegung von Krediten an den Mittelstand. Das Mittelstandsgeschäft der Banken sollte dadurch gestärkt werden. Zweitens: Basel II setzt für Banken und Mittelstand wichtige Anreize, bewusster mit dem Risiko umzugehen; und zwar gemeinsam als Partner. Die Hausbankbeziehung wird dadurch eine Renaissance erleben. Und drittens: Basel II erhält und verbessert sogar wichtige Rahmenbedingungen; insbesondere die Stabilität und die Vielfalt im deutschen Bankensystems. Gerade Letzteres dürfte für den Mittelstand ein wichtiges Gut sein.

Ist das viel oder wenig? Diese Antwort müssen wir dem Markt überlassen. Bedenken Sie: Basel II ist kein wirtschaftspolitisches Förderprogramm. Es beinhaltet weder Subventionen noch Privilegien. Es will vielmehr ein faires Regelwerk sein, das letztlich der gesamten Wirtschaft Nutzen stiftet.“


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Dies sind Auszüge aus der Rede von Herrn Dr. h. c. Edgar Meister, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, in Lüneburg am 12. November 2004 anläßlich der Überreichung der Ehrendoktorwürde der Universität Lüneburg. Die gesamte Rede kann direkt auf der Internetseite der deutschen Bundesbank heruntergeladen werden. http://www.bundesbank.de/download/presse/reden/20041112meister.php

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