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1.1.2007 – 2007 wird für die „Heuschrecken“ entscheidendes Jahr

Die Fälle Grohe und Kiekert sind harmlos gegen das, was Finanzinvestoren dieses Jahr anpacken dürften. Rund 500 Milliarden Euro stehen bereit, um zusammen mit Fremdkapital das Vielfache davon möglichst rentabel zu investieren. Doch die „Heuschrecken“ wissen, dass ihr immer rasanteres Spiel schnell zu Ende gehen wird.

Private Equity, Finanzinvestoren, HedgeFonds: Die eigentlich unterschiedlichen Begriffe und Inhalte werden immer unschärfer bzw. vermischen sich beim großen Monopoly immer mehr. Es geht auch längst nicht mehr um mittelständische Unternehmen wie Grohe, Kiekert oder Techem, bald stehen DAX-Unternehmen im Focus (Continental kann schon ein Lied davon singen. Und Blackstone ist bereits ein Eigentümer der Deutschen Telekom). Zudem verkaufen immer mehr quasi bankrotte deutsche Städte ihren kommunalen Wohnungsbestand (Dresden lässt vielmals grüßen). So haben in den letzten drei Jahren amerikanische und britische Investment Fonds mit 17 Mrd. Euro fast 500.000 deutsche Wohnungen gekauft.


Gigantische Summen stehen für die Großwildjagd zur Verfügung


Allerdings ist selbst diese Summe Peanuts gegenüber den Beträgen, die von Hedge Fonds für Immobilien in China, Chile, Südafrika oder in den ehemaligen GUS-Staaten hingeblättert werden. Nach Schätzungen der US-Zeitschrift „Fortune“ verfügen die US-Hedge-Fonds über sagenhafte Finanzmittel von 1.000 Mrd. US-Dollar (rund 820 Mrd. Euro). Mit diesem Eigenkapital lassen sich Investments in mehrfacher Höhe stemmen, da bis zu 90 Prozent über Fremdkapital finanziert wird, dessen Kapitaldienst die gekauften Objekte dann tragen müssen. Das Fremdkapital wird von den Banken zur Verfügung gestellt, die die Kredite meist schnell wieder am Kapitalmarkt weiterreichen. Diese „Großwildjagd“ (Financial Times Deutschland) kann keine nationale Behörde oder Finanzaufsicht mehr kontrollieren.

Denn gegen solche Summen sind selbst die Börsen machtlos. Insbesondere in USA und Großbritannien dominiert inzwischen Private Equity eindeutig. An den US-Börsen wurde letztes Jahr von den Finanzinvestoren doppelt so viel Aktienkapital abgezogen wie frische Liquidität durch neue Börsengänge wieder zufloss.


Das Problem ist die zu hohe Schuldenlast bei steigenden Zinsen


Weil die Fonds über immer mehr Geld verfügen, schießen die Preise für Unternehmenskäufe nach oben. So wird inzwischen im Durchschnitt mehr als das Neunfache des Gewinns bezahlt. Doch es mangelt an rentablen Kaufobjekten. Grohe und Kiekert z.B. sind ja inzwischen keine feschen Bräute mehr, nachdem sie schon ausgesaugt wurden. Selbst die deutsche Bundesdruckerei, 2000 von Finanzminister Eichel an Investoren verkauft, ging anschließend fast Pleite. Als größtes Problem stellt sich der Schuldendienst heraus, den das übernommene Unternehmen zu tragen hat. Galt früher als kritische Schwelle noch ein Faktor von 4,0 betreffend Finanzschulden zu EBITDA, so ist bei den übernommenen Unternehmen heute das 5,5-fache keine Seltenheit mehr. Steigen die Zinsen, steigen die Konkurse übernommener Unternehmen, die Insolvenzverwalter brauchen sich wegen sinkender Insolvenzen keine Sorgen zu machen. Die hohen Schulden waren z.B. letztes Jahr Anlass für die britische Regulierungsbehörde Ofwat, den deutschen Energieriesen RWE in die Schranken zu weisen, als es um den Kauf von Thames Water durch RWE ging. Die Behörde befürchtete durch einen zu hohen Schuldendienst Nachteile für die englischen Verbraucher von Wasser. Offensichtlich hört bei dieser wichtigen Flüssigkeit der Spaß mit überschüssiger Liquidität von Investoren schnell auf.


Die Banken verdienen ein zweites Mal am großen Spiel


Werden die Kredite faul, können sie also nicht mehr wie vereinbart bedient werden, freuen sich die Banken zum zweiten Mal. Denn immer mehr deutsche Großbanken wie Landes- und private Großbanken stehen schon Gewehr bei Fuß, wenn es um das Geschäft mit den „distressed debt“ (so der englisch Begriff für die faulen Kredite) geht. Im Gegensatz zum klassischen Bankgeschäft werden hier noch zweistellige Renditen erwartet, die sich bisher vor allem US-amerikanische Spezialisten wie Lone Star, Cerberus, Goldman Sachs, Morgan Stanley oder City Group genehmigt haben. Zunächst werden Zinsen kassiert, später werden die Kredite zu höheren Preisen wieder verkauft. Oder sie werden in Eigenkapital umgewandelt, dann sind die Alt-Eigentümer weg vom Fenster. Im Gegensatz zu den Amerikanern sind deutsche Banker beim Handling solcher Deals bisher noch eher zimperlich (zu wenig „tough“), etwa bei knallharten Verhandlungen mit hartnäckigen Alt-Eigentümern. Speziell rührige Landesbanker – gerade aus der Staatshaftung entlassen – müssen da noch etwas umdenken, wollen sie richtig mitspielen.


Wie endet das Spiel ? Hilft internationale Aufsicht und Kontrolle ?


Nach marktwirtschaftlichen Gesetzen dürfte das flotte Spiel schnell an seine Grenzen stoßen, schnell heißt noch in diesem Jahr! Denn das Kapital fließt immer dorthin, wo es die meiste Rendite erzielt. Gleichzeitig führt aber bei knappem Angebot ein Zuviel an Liquidität zu sinkenden Preisen sprich Renditen. Aus der Szene hört man, dass sich die Spieler bereits auf deutlich bescheidenere Margen einstellen. So sollten die Renditen wenigstens drei bis fünf Prozent über dem von Aktienfonds liegen. Aber auch diese Differenz wird kleiner, wenn die Marktgesetze funktionieren. Wenn.

Sowohl Bundesbank wie EZB äußern sich über die Entwicklung mit Sorge. Die deutsche Bundeskanzlerin will die EU-Präsidentschaft nutzen, um mit den Amerikanern international gültige Spielregeln zu vereinbaren. So gibt es für Hedge-Fonds inzwischen spezielle Ratings der bekannten Agenturen wie z.B. Moody’s. Die Deutschen bzw. die Europäer hätten das Spiel gerne etwas stärker unter Kontrolle, die Amis plädieren auch hier eher für das weitere Laissez Faire. Wenn es gelingt, die sicher kommenden ersten Finanzkräche so zu verkraften, dass kein nachhaltiger Schaden für die Weltwirtschaft entsteht, kann man weiter mit Interesse das Treiben von der Galerie aus betrachten. Zudem haben es die Finanzinvestoren selbst in der Hand, sich freiwillig an vernünftige Spielregeln zu halten, wollen sie die ihnen anvertrauten Gelder (die auch der Altersvorsorge sehr vieler Menschen dienen) sorgsam hüten und vermehren.

Das Spiel kann aber auch anders ausgehen.
Alles schon mal da gewesen.

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